Seit Ende August liegen Lebkuchen in den Supermärkten aus. Ich rege mich nicht mehr darüber auf und gehe ganz entspannt daran vorbei. Komplett selbstsicher. Ich schau nicht einmal hin. Oblaten, auf euch kann ich warten. Erst Mitte November nehme ich das Konsumangebot an und kaufe die ersten Packungen Nürnberger. Auch Dominosteine. Gerne Krokantkugeln. Natürlich nicht um sie zu verspeisen, sondern um sie aufzubewahren. In einer Ecke unserer Küche liegen sie. Die Unberührbaren. Und dann, genau am ersten Advent, wenn das erste Lichtlein brennt, dann gibt es bei uns auch den ersten Lebkuchen.
Aber dieses Jahr … da ist etwas passiert. Es gibt ein paar wichtige Fragen, bei denen man in einer Beziehung gleicher Meinung sein sollte. Waffenlieferung an die Ukraine, ja oder nein? Wie hältst du es mit Israel? Wann gibts Lebkuchen? Ich war froh, daß meine katholische Freundin und ich uns in diesem Punkt immer einig waren, bis ich in der Küchenecke, wo alle unsere Lebkuchenvorräte aufbewahrt werden, etwas erblickt habe, was mich ernsthafte Zweifel hegen läßt, ob ich noch mit dem richtigen Menschen zusammen bin. In der letzten Zeit fielen mir in den Printenmedien auch öfter Artikel ins Auge, die darüber spekulatius … ähm spekulieren wie lange es noch gut sei, mit seinem Partner zusammenzubleiben. Überschriften wie: „Soll man sich trennen, obwohl man sich liebt“ oder „Kann eine Paartherapie noch helfen?“ kamen mir spontan in den Sinn, als ich die grob aufgerissene Packung mit runden Gewürzkuchen entdeckte. Die Hälfte davon war bereits verspeist. Meine Freundin hatte sich offenbar einer zügellosen Lebkuchengier hingegeben. Ich nahm die beschädigte Packung in die Hand und fragte sie mit strenger Stimme, ob sie es war, die diese Lebkuchenpackung angebrochen habe? Es könnte immerhin sein, daß jemand in meiner Abwesenheit zu Besuch war, der seine Lebkuchenneigung einfach nicht im Griff hatte und meine Freundin sich genötigt sah, ihm die Packung zu überlassen. Das könnte ich verstehen, zumal solche Lebkuchensüchtigen durchaus ein Sicherheitsrisiko darstellen.
Sie antwortete: „Wenn du es nicht warst, muß ich‘s gewesen sein, hier wohnen - falls du dich erinnerst - nur wir beide, und übrigens, das ist schon die zweite Packung, eine habe ich bereits aufgegessen.“
Ich bin ja dem Feminismus gegenüber durchaus aufgeschlossen und auch kein totaler Egoist, aber … daß die eigene Freundin einem jetzt die Lebkuchen wegisst, das kann doch nun wirklich nicht mit der Abschaffung des Patriacharts gemeint sein!
„Waren wir uns nicht immer darin einig, daß wir zum Advent die erste Packung Lebkuchen öffnen?“, appellierte ich an die Empathiefähigkeit meiner Freundin im Hinblick auf unsere gemeinsame Ernährungsgeschichte seit nun fast einem Vierteljahrhundert. Nächstes Jahr haben wir schließlich Silberadvent.
Sie: „Nö.“
Ich: „Wie, nö?“
Sie: „Ich kann nachvollziehen, daß man nicht Ende August Lebkuchen isst, Ende November schon.“
Wer war diese Frau, mit der ich ahnungslos 24 Jahre lang Tisch und Bett geteilt hatte, um von ihr gesagt zu bekommen „Ende November schon“?
„Im November gibt es Gräbersegnung, Volkstrauertag und Totensonntag, aber keine Lebkuchen! Alles dreht sich im November um den Tod, nicht um das Leb. Wenn du so weiter machst, sind die Lebkuchen am ersten Advent alle.“
Meine Freundin hörte mir jedoch gar nicht mehr richtig zu, sondern schnappte sich eine Packung Lebkuchen und verschwand damit in ihr Zimmer. „Ein Lebkuchenhaus für sich allein“ war eines der Bücher gewesen, die sie mir zu Beginn unserer Beziehung zu lesen gegeben hatte, nun wußte ich, warum. Obwohl ich Einzelkind bin, ist es mir trotzdem manchmal gegeben, etwas mit anderen zu teilen. Oft habe ich meiner Freundin sogar Süßigkeiten großzügig überlassen, wie zum Beispiel jedes Jahr das Marzipanbrot, weil ich das überhaupt nicht mag. Zurück in der Küche betrachtete ich melancholisch die verbliebene Menge unserer diesjährigen Lebkuchen. Es ist nicht so, dass Männer keine Gefühle zeigen könnten, ich war nämlich den Tränen nah. Denn es fehlten, als ich alle Packungen durchgezählt hatte, tatsächlich schon drei Packungen. Und es sind noch zehn Tage zum ersten Advent. Was ist mit der Verteilungsgerechtigkeit? Wie schön war es einst gewesen, als das erste Lichtlein brannte und wir die Lebkuchen halbe-halbe auf unsere Süßigkeitenteller legten. Ab wann haben wir uns so dermaßen auseinandergelebkucht? Was zimt nicht mehr mit uns?
Ich nahm – auch wenn es sich nicht gut anfühlte – eine Packung Printen und ging in mein Zimmer.