Lesebühne Kreis mit Berg

Oper mit Mutter

Irgendwann kam ich auf die Idee, meiner Mutter Karten für die Hallesche Oper zu schenken. Und weil Vater durch solch ein Geschenk nicht bestraft werden sollte, erklärte ich mich dazu bereit, Mutter in die Oper zu begleiten. Außerdem schien mir, daß nicht nur die Opernaufführung ein Geschenk für sie wäre, sondern auch meine Anwesenheit, und ich habe ja nicht oft die Gelegenheit, jemandem ein so tolles Geschenk machen zu können.
Für diese Opernbesuche nahm meine Mutter ausnahmsweise mal wieder die Bahn von Bernburg nach Halle. Öffentliche Verkehrsmittel sind aus ihrer Sicht eher was für Arme oder linksgrüne Großstadtheinis, kurzum für verlorene Söhne wie mich. Als die Regionalbahn an der Station Halle-Zoo hielt, sah ich bereits Mutter hinter einer der großen Scheiben des Triebwagens heftig winken und kaum hatte ich mich zu ihr in die Bahn gesetzt, sagte sie in einer Mischung aus Entrüstung und Euphorie: „Ich bin wieder schwarzgefahren“.
Das erfüllte mich mit Stolz. Wer hat schon eine kriminelle Mutter, die wiederholt gegen die Regeln der Gesellschaft verstößt. Noch stolzer wäre ich allerdings gewesen, wenn sie das freiwillig getan hätte. Doch sie scheiterte - wie schon ein halbes Jahr zuvor - am Fahrkartenautomaten des Bahnunternehmens Abellio, das das Hopperticket hinter einer komplizierten Menüführung verbirgt, damit Menschen, die nicht in der Lage sind, sich dort hindurchzufinden - aufgrund von Alter, Behinderung oder Krankheit, bloß ja nicht zu billig reisen würden. Frei nach dem Motto Fordern, dann erst Befördern.
Die ganze Zugfahrt über hatte meine Mutter, wie sie mir nun auf den letzten fünf Minuten bis Halle Hauptbahnhof erklärte, deshalb ihr Portemonnaie in der Hand behalten, um dem Zugbegleiter wenigstens zu signalisieren, daß sie durchaus gewillt gewesen sei, ein Hopperticket für die Strecke zu erwerben. Da meine Eltern einerseits nicht arm sind und andererseits bei der letzten Wahl ihr Kreuzchen bei der CDU gemacht haben, sagte ich mit merzerfüllter Stimme nun zu Mutter: „Du weißt aber schon, daß du dich damit nicht rausreden kannst!“
„Wieso rausreden, ich wollte doch ein Ticket kaufen.“
„Ja. aber Unfähigkeit schützt vor Strafe nicht, du hättest das normale Ticket zum teureren Preis lösen müssen!“ Ein bißchen Gemeinheit sollte man sich als Sohn von CDU-Wählern gönnen.
Seit ich Opa bin, gehe ich auch in die Oper. Da muß es wohl einen kausalen Zusammenhang geben. Im blutjungen Alter von 47 Jahren habe ich es immerhin zum ersten Mal in die hallesche Oper geschafft. Verirrt man sich sonntags 16 Uhr zu einer Aufführung, steigt die Krückstockdichte um ein Vielfaches. Oper – oder wie man unter Klassikkennern sagt, Ü-70 Party. Die graumelierten Profipartygänger wissen, wer sich in der Pause einen ansaufen will, ordert vorher ein Piccolöchen, das für den lechzenden Opernalkoholiker auf einem der nummerierten Tischchen zur Bekämpfung der Nüchternheit schon kippbereitsteht. Mutter meinte, dann könne man sich ja ein bißchen früher aus dem Saal begeben, zu so einem Tischchen laufen, sich ein Glas schnappen und einfach austrinken. Mutter sollte öfter Schwarzfahren, das brachte sie auf richtig gute Ideen.
Als wir an der Garderobe angelangt waren, beschäftigte Mutter indes, ob wir nach der Aufführung auch schnell genug an unsere Jacken gelangen würden. Sie schaffte es, diese Angelegenheit so zu dramatisieren, daß die Frauen an der Garderobe sich anerboten, unsere Jacken seitlich auf einen Stuhl zu legen, damit wir sie, sobald wir aus dem Saal gestürmt kämen, gleich schnappen und in Windeseile Richtung Bahnhof davonstieben konnten.
Der Saal war gut gefüllt. Aus dem Orchestergraben kam ein Schwall von Geräuschen, was mich an den Sketch „Besuch in der Oper“ erinnerte. Mein Schulfreund Thomas besaß etliche Platten der Reihe „Komiker-Parade“ mit Witzgut von Eberhard Cohrs, Herricht und Preil, Rudi Schiemann, die wir uns andauernd anhören mußten. In dem besagten Sketch fragt ein unerfahrener Opernbesucher. Was ist das für ein Krach? Ihm wird erklärt: „Die Musiker stimmen.“ Und er dann: „Ich habe sie nicht gezählt.“ Ich lachte jedes Mal, obwohl ich den Witz nie verstanden habe.
Nur ein einziges Mal in meinem Leben hatte ich mich wirklich für die Oper interessiert, da war ich sechszehn und ziemlich rechtsradikal und dachte wohl so bei mir, Wagneropern müsse man hören wie einst der Führer himself. In Mutters Weltbildkatalog bestellte ich heimlich den kompletten Ring der Nibelungen, wohl an die fünfzehn CDs. Auf den CD-Hüllen waren Frauen in Wikingerkostümen abgebildet, die aussahen, als hätten sie Obelix verschluckt. Nach zwanzig Minuten saß ich zermürbt vor den Boxen und auch ein bißchen verzweifelt. Ich hätte sicherlich damit rechnen müssen, daß in einer Oper sehr viel gesungen wird. Aber das klang so ganz anders, als das, worunter ich mir bisher Singen vorgestellt hatte. Das kam vor allem dadurch, weil einzelne Buchstaben unglaublich lange gesungen wurden, und das in einer Tonhöhe, die für das Verständnis des gesamten Wortes auch nicht unbedingt von Vorteil war. Ich erlebte meine Wagnerdämmerung, denn plötzlich wurde mir klar, daß ich diese CD nie mehr in den CD-Player stecken würde, und die restlichen 14 CDs schon gar nicht, eine Erkenntnis, die ich mir erkauft hatte für nur schlappe 150 Mark. Mutter erbarmte sich ihres verschrobenen Sohns und schrieb schließlich einen Brief an den Weltbildverlag, in dem stand, daß ich noch gar nicht geschäftsfähig sei. Und sie hätte noch hinzufügen sollen: geistig auch überhaupt gar nicht zurechnungsfähig. 

Der Vorteil der allermeisten Opern, die Wagner nicht komponiert hat, ist zumindest, das sie viel kürzer sind. Gesungen wurde in Carmen von Bizet natürlich jetzt trotzdem, das ließ sich selbst bei der aller modernsten Inszenierung wohl kaum verhindern. „Warum bewegen sich da diese Müllhaufen über die Bühne?“, fragte Mutter, was weniger eine Frage war, als ein Urteil. Durch die Drehbühne in Bewegung gesetzt, sah man zwei Mühlberge durch das eher karge Bühnenbild fahren. „Keine Ahnung.“, antwortete ich. Hinter uns hörte ich, wie jemand „psst“ zu uns sagte. Ein paar Arien später hob Mutter erneut an. Sie hatte bereits in der MZ darüber gelesen, daß der Regisseur aus dem Matador einen Boxkämpfer gemacht hat, und das sei ja wohl der größte Unsinn. Wenn es nach Mutter ginge, gäbe es für jede Oper eine einzige, gültige Inszenierung, und zwar die von der allerersten Aufführung achtzehnhundertsoundso. Die Kostüme von damals könnte man auch gleich weiterverwenden, höchstens mal flicken. Mit Mutters Inszenierungsidee ließe sich viel Geld sparen, die Opernintendanten müßten davon nur in Kenntnis gesetzt werden. In dem Moment, als sich ein Bildschirm von der Decke senkte, auf dem ein Boxkampf lief, während Carmen gleich einem Femizid zum Opfer fallen würde, worüber sich ein zeitgenössischer Diskurs über patriarchale Gewalt und toxische Männlichkeit führen ließe, rief meine Mutter laut: „Also der ist kein Boxer, sondern Matador“, schließlich sollte niemandem, der in unserer Nähe saß, vorenthalten werden, daß er einer völligen mißinterpretierten Carmen beiwohnte.
Beim Schlußapplaus erhoben wir uns, allerdings nicht für eine stehende Ovation, sondern nur Mutter und ich um durch die Reihe hindurch über Füße in Richtung Ausgang zu stolpern, was nun eher danach aussah, als würden wir den Applaus verweigern. Die Leute mühten sich teils unter Unmutsbekunden von ihren Sitzen, ein Vorgang, der beinah mehr Aufmerksamkeit auf uns zog, als auf die Sänger und Sängerinnen auf der Bühne, die ihren Applaus genießen wollten. Aber sie wußten ja nicht, daß es im Parkett, dritte Reihe von links, auch großes Theater gab, mit einer Hauptdarstellerin und einer unfreiwilligen Nebenfigur.
An der Garderobe lagen unsere Jacken bereit, schnurstracks liefen wir zum Bahnhof. Mutter ist immer noch sehr gut zu Fuß, trotz ihres Asthmas und zwei überstandenen Lungenembolien. Bisher war sie glücklicherweise einfach nicht totzukriegen. Katzen, mit ihren neun Leben, könnten sich noch mehrere Scheiben von meiner Mutter abschneiden. Am Bahnhof – wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit – löste ich für Mutter ein Hopperticket, damit sie nicht weiter auf die schiefe Bahn geriet mit ihrer Schwarzfahrerei und vielleicht sogar noch Bahnverbot bekam, das wäre echt nicht gut für unseren nächsten Opernbesuch.