Die Ernährung unseres Enkelkindes besteht derzeit im Wesentlichen aus Fett und Kohlenhydraten – zumindest, wenn es sich in unserer Gegenwart ernährt. Es weiß eben, was gut ist. Es steckt sein Kindermesser in die Butterdose - was ich als Opa einfach nicht verhindern kann - und schleckt die Butter direkt vom Messer ab und ruft: „lecka“. Zweifelsohne würde es die Empfehlung meiner Urgroßmutter begrüßen, die ausnahmslos alle Gerichte mit – wie es damals hieß – „guter Butter“ veredelt hatte. Wir wissen aus der Kriminalstatistik, daß Frauen möglichst unauffällig töten. Meine Urgroßmutter nahm Butter. Neulich habe ich mal eine Reportage gesehen, wie mit Hilfe eines Spezialbootes die Fettrückstände aus der Londoner Kanalisation entfernt werden. Am Ende kommt ein im Durchmesser etliche Meter umfassender Fettpfropfen aus dem Untergrund ans Tageslicht. So ungefähr muß man sich die Arterien meines Urgroßvaters vorstellen. Vermutlich gab es bei seiner Einäscherung noch eine riesige Stichflamme. Aber was soll man tun, unser Enkelkind verlangt nach seinem - wie es das nennt - „Buttaboot“. Man nehme eine Scheibe Brot schmiere Fingerdick Butter drauf und reiche es dem Kind, das nun von dem „Buttaboot“ allerdings nichts abbeißt, sondern die Butta von dem Boot mit großem Behagen abschleckt, weil es bloß ein Transportmittel darstellt für den Weg des Fettes aus der Dose hinein in das Kind.
Mit Pommes frites kann man dem Kind auch immer eine Freude bereiten. Selbst mit unechten. Einmal hatte ich eine Tüte mit vergleichsweise eher gesunden Getreidestäbchen von Demeter dabei, die auch Dinkelmuttis ihren Kindern nicht vorenthalten würden – keine Ahnung warum ich das gekauft habe – aufgrund der länglichen Form kamen die aber sehr gut beim Kind an, daß immer wieder in die Tüte griff und voller Begeisterung „Bommes“ rief. Ich habe es in dem Glauben gelassen. Später funktioniert das ja leider nicht mehr so gut, sonst könnte man sich immer Apfelsaft in ein Bierglas füllen und sich auf ein leckeres Pils freuen.
Das Kind liebt auch Rosinenbrötchen. Vielmehr liebt es den sprichwörtlichen Vorgang, sich die Rosinen aus dem Rosinenbrötchen rauszupicken. Die Reste des zerfledderten Rosinenbrötchens landen auf der Sitzfläche des Kinderwagens und werden breitgesessen, bis nichts als Krümmel davon übrigbleiben. Weil nun der Kauf eines Rosinenbrötchens für die paar Rosinen dann doch auch Lebensmittelverschwendung ist, war ich froh, beim Rewe ein Produkt entdeckt zu haben, das geradezu perfekt auf die Rosinenleidenschaft unseres Enkelkindes zugeschnitten ist; in kleine Schachteln – auf denen putzige Tiere abgebildet sind – verpackte „biologische Rosinchen ohne Sulfite“. Sobald wir unser Enkelkind besuchen, habe ich jetzt immer eine Schachtel mit Rosinchen in der Hosentasche. Genaugenommen gehöre ich damit nun auch zu jenen Männern, die mit Süßigkeiten Kinder anlocken. Aber ich bin doch „Opa“, höre ich mich stammeln, während die Polizisten ungläubig die mit lustigen Tierbildern versehenen Rosinenschächtelchen nach oben halten: „Opa!, das könnse ihrer Oma erzählen. Halten se ma jut Abstand zu Spielplätzen.“ Dieses Risiko muß ich eingehen, denn jedes Mal, wenn ich so ein Schächtelchen aus der Hosentasche ziehe, strahlt das Kind, das alle Rosinchen vor sich ausbreitet und begeistert über die Menge des Genusses ausruft „viele“ und sie sich ruckzuck in den Mund stopft. Das leere Schächtelchen mit dem Tier drauf streckt es mir entgegen mit dem Wort „Müll“. In den Augen des pragmatischen Kindes hat die Schachtel ihren Wert vollkommen verloren. Opa darf sie jetzt in den Müll bringen. Das Kind ist nämlich sehr ordentlich. Am liebsten würde es natürlich gleich den Inhalt einer zweiten Schachtel verspeisen, doch der Opa muß jetzt so tun, als hätte er keine mehr. Opa ist arm. Anweisung von der Mama und Opa hält sich dran. Trockenfrüchte beschleunigen den Stoffwechsel. Das kann schnell nach hinten losgehen. Womit wir bei einem Thema wären, das das Kind gerade außerordentlich beschäftigt. Es besitzt auch ein Buch darüber, daß es regelmäßig zur gemeinsamen Lektüre heranschleppt, Titel: „Was mag in der Windel sein? Klapp auf - schau rein!“. Auf jeder Doppelseite des Buches untersucht ein anderes Tierkind, was es in der Windel hat. Das Kaninchen hat Köttel in der Windel. Das Pferdchen Pferdeäpfel. Und so weiter. Am Ende sitzen jedoch alle auf dem Töpfchen. Diese Seite wird schnell überblättert, davon will das Kind nichts wissen. Was jedoch in diesem Kinderbuch nicht abgebildet wird, ist der knallharte Realismus, der zur Schonung der Kinderseelen in Kinderbüchern zumeist ausgespart bleibt. Du spielst Hoppe Hoppe Reiter, das Kind juchst, bis dir auffällt, daß deine Hose seltsame braune Flecken hat, die vorher noch nicht da gewesen sind. Du hast in der letzten Zeit auch keine Schokolade gegessen. Du könntest es sinnbildlich politisch verstehen, das Kind wächst schließlich in Sachsen auf, aber diese braunen Flecken sind ganz real. Du begreifst in dem Moment, daß Windeln nicht Fort Knox sind, sondern durchlässiger als der ungeübte Opa denkt. Schnell wechseln wir die Windel. Danach holt das Kind seinen Rudi, ein rotes, aufblasbares Pferdchen und sagt „mutzig“, dabei wischt es mit Feuchttüchern, die es sich vom Wickeltisch geangelt hat, genau an der Stelle, wo man normalerweise den Stöpsel der Luftpumpe reinsteckt - anatomisch gesehen haben die Spielzeugkonstrukteure das gut hinbekommen. Das Kind wischt dort und wischt. Zieht ein Feuchttuch nach dem anderen heraus, weil – wie das Kind erneut feststellt - „Rudi kackert“. Rudi ist ein sehr schmutziges Pferdchen. Ich versuche, ein paar Feuchttücher vor dem Verbrauch zu bewahren, aber Rudi hat schon wieder „kackert“, wie mir das Kind versichert und entreißt mir die Feuchttücher. „Rudi mutzig“. Rudis roter Kunststoffhintern glänzt inzwischen wie ein polierter Spiegel. Doch das täuscht, denn er hat schon wieder „kackert“ und weist somit mehr Stuhlgang auf, als es Huftiergastroenterologen gemeinhin erwarten würden. Ich gebe die Rettung der Feuchttücher auf, als sich das Kind den Beutel mit den Windeln schnappt und nun jedem Plüschtier eine Windel verpaßt oder gleich zwei oder drei. Tedi bekommt vier Windeln, Otti fünf, Pupi sechs. Die restlichen Windeln werden überall im Flur verteilt. Das Kind hat sehr viel zu verarbeiten. Ich verschwinde kurz im Bad, um meine Hose zu säubern. Vor der Badtür höre ich das Kind fragen: „Opa kackert?“. Ich wische an meiner Hose herum. Bevor Opa eine Windel bekommt, darf hoffentlich noch etwas Zeit vergehen. Das Opadasein hat nun mal nicht nur Licht- sondern auch Kackertseiten.